Projektidee und Organisation

lisa&ingrid b

Lisa

Anfang Februar habe ich einen Artikel für gofeminin, ein Online-Frauenmagazin geschrieben und dieser fasst am besten zusammen, wie es zu der Idee von Schönlinge kam…

„Seit ich 11 bin, ist Alopecia Areata (kreisrunder Haarausfall) meine mehr oder weniger ständige Begleiterin, mein Dreh‐ und Angelpunkt, meine Quelle der Verzweiflung, meine Hasskappe, mein Geduldsfaden – und seit kurzem meine Inspiration. Schon 15 Jahre lang ist jeder Blick in den Spiegel eine Übung zu sagen, zu bestätigen und zu fühlen: „Ich finde mich schön!“ Viele Jahre, in denen ich, im Anbetracht des offensichtlichen „Nichts“ auf meinem Kopf, in immer wiederkehrenden Gedankenschleifen versuche, Antworten zu finden auf die Fragen nach (meiner) Weiblichkeit und Schönheit.

Alopecia Areata (AA) ist eine zwar weit verbreitete, aber nicht wirklich bekannte Autoimmunerkrankung, von der allein in Deutschland mehr als eine Million Menschen betroffen sind. AA kennt kein Geschlecht, kein Alter und keine Kulturen. Ursache und Heilung sind bisher nicht vollends geklärt, die medizinischen Ansätze zahlreich und die Therapieerfolge so individuell verschieden wie die einzelnen Betroffenen. Tatsächlich ist AA oft das „Stiefkind“ der Autoimmun-erkrankungen, denn Betroffene haben meist keine Schmerzen, sondern „nur“ ein kosmetisches Problem. Dieses Problem hat jedoch mein ganzes Leben und Frau-Sein geprägt. Ebenso wie mein heutiges Verständnis von Schönheit und Weiblichkeit, nicht nur in Bezug auf Haarlosigkeit, sondern ganz generell hinsichtlich jeglicher Form von Makel, Andersartigkeit und dem vermeintlich „Anormalen“.

Jahrelang begleitete mich Neid beim Anblick von Freundinnen mit blonder Lockenpracht und Frisörbesuchen, ebenso wie eine unbändige Sehnsucht, genau wie jedes andere „normale“ Mädchen Mascara, Zopfgummis und Conditioner kaufen zu können. Außerdem die große Frage, ob man(n) Glatzen genauso ekelhaft findet, wie ich es das ein oder andere Mal beim Blick in den Spiegel empfunden habe. Es entwickeln sich ausgeklügelte Improvisations‐, Retuschierungs‐ und Camouflage‐Strategien, Ausreden für Schwimmbadbesuche und Übernachtungs-Partys. Denn über allem schwebt die Angst entdeckt, bloßgestellt, „ent‐fraulicht“, in die „Krank‐Ecke“ geschoben und letzten Endes als abstoßend empfunden zu werden. Tiefsitzend die Überzeugung, dass jede Frau voller Mitleid und jeder Mann ohne Interesse auf dieses ICH schaut – ohne Haare, ohne Wimpern, ohne „Alles“.

 Ich will zwar ‚besonders‘, aber nicht ‚anders‘ sein. Vor allem aber will ich kein Mitleid und keine Sonderwurst. „Schönheit kommt von innen!“ und „Liebe dich selbst, so wie du bist!“ mutieren zu einer ewigen Leier einer lästigen Phrasen-dreschmaschine. Lange glänzende Haare als Identitätskomponente, Visitenkarte und Aushängeschild – aber bei mir hängt nichts. „Ach, stell‘ dich nicht so an, es sind ja nur die Haare.“ – Sicher, Arm oder Bein ab wäre schlimmer, aber trotzdem ist es deswegen nicht einfach, schön und gut. Es kostete mich Jahre und noch heute tagtägliche Kraft, Geduld und Überzeugungsarbeit, die Begriffe „Glatze“ und „Schönheit“ nicht als Paradoxon zu empfinden. Heute ist die Glatze für mich Ausdruck von Verletzlichkeit, Angst, Zartheit, Intimität und Blöße. Mit ihr verbinde ich viele Jahre von Selbsthass, Ekel, Zweifel, Traurigkeit, aber mehr und mehr auch Selbstliebe, Geduld, Schönheit und Ästhetik.“

Ingrid

Ingrid am 29. Juni auf dem Schönlinge Profil bei Facebook über ihre eigene Arbeit:

,,Liebe Schönlinge, liebe Unterstützer*innen, Begleiter*innen und Daumendrücker*innen,

Die Startnext Kampagne läuft auf Hochtouren und es ist Zeit paar Worte zu dem „fotografischen“ Teil des Projektes zu sagen!

Nun, warum „Schönlinge“ und ich?

Ich fotografiere Menschen; deren Gefühle, Schönheit, Schmerz, Freude,Verletzlichkeit und deren Würde. Mein Interesse gilt der „Echtheit“ und auf diesem Gebiet habe ich als Fotografin verschiedene Möglichkeiten:

Die erste ist „verborgene“ Methode:
Ich mache mich „unsichtbar“. Ob mit Hilfe der Technik oder Zauberei, die Menschen merken nicht, dass sie fotografiert werden. Ich „beobachte“ aus der Ferne, warte und fange dann, ohne viel zu reden, starke und zarte Moment ein! Auf eine Weise bleibt die Fotografierte anonym und berührt doch zutiefst die Betrachtenden. Die zweite ist die „Auge in Auge“ Methode: Keine*r ist unsichtbar; weder ich noch die Fotografierte. Man „steht“ sich förmlich nackt gegenüber. Ganz bewusst. Und auch hier warte ich wieder – auf einen geschenkten Moment, fernab von Posen und strahlender Performance. Hier sind wir „unter uns“: es gibt keine aufwändige Hintergrundgestaltung und kein Verstellen. Es dauert manchmal ein wenig, bis man sich öffnet ( und ich spreche von beiden Seiten) und vielleicht auch ein paar Stunden oder ein nächstes Mal. Wenn „es“ aber passiert; wenn die Barrieren fallen, wenn man Vertrauen fasst, wenn man sich von festgefahrenen Vorstellungen über das eigene Gesicht oder den Körper löst, entstehen Bilder von ungeahnter Intensität, Wahrheit und Schönheit. Und beide, Fotograf*in und Fotografierte gehen nach Hause, mit einem starken Gefühl der Größe, der Aufrichtigkeit und irgendwie auch der Selbstliebe und Freiheit.

Und so war auch die fotografische Begegnung mit Lisa; einer der bewegendsten Momenten meines Fotograf*innen- Daseins und deswegen, aus genau diesem Grunde, auch „Schönlinge“.

Ich freue mich sehr auf jede dieser Begegnungen!

Bis bald

Ingrid Hagenhenrich“

www.ingrid-hagenhenrich.com

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